English
Deutsch

Worum geht es bei Panmundo.com?
Zeitplan der PanMundo-Reise (PDF)



September 26, 2006 08:41:00
British Colombia: Wie auf Schienen!
--> Galerie



Sommer! Zum ersten Mal seit 6 Wochen brennt mir die Sonne in den Nacken! Schön! Ich fahre nach Süden, entfliehe dem Herbst und in 3 Wochen sitze ich in San Diego am Strand!

Entsprechend meinem Zeitbudget werde ich San Diego planmässig irgendwann erreichen. Auch geplant war die Entdeckung einer sagenumwobenen Eisenbahnbrücke, die sich irgendwo in British Colombia knapp über den Baumwipfeln durch ein grünes Tal schwingt. Eine Brücke ohne Geländer, knapp breiter als ein Geländewagen und mit etwas Off-Road Geschick erreichbar. Bloss, wo ist diese Brücke? Recherchen im Internet haben mich nach Kelowna gefüht, Kanadas Strand-Ressort. Hier haben mir Gespräche in einer Buchhandlung spezialisiert auf alte Bücher (resp. derer Angestellte) und diverse Dirt-Road Karten die Geschicke der Kettle Valley Eisenbahn vor Augen geführt.

Vor 100 Jahren als Geschwindigkeit in Kanada noch unwichtig war (nicht das im heutigen Kanada Geschwindigkeit die Maxime aller Dinge wäre) entschloss sich ein Gruppe aufrechter Mannen zum Bau der „schönsten Eisenbahn“ aller Zeiten. Und dieses Ziel haben die Eisenbahnbauer erreicht: Durch sanfte Hügel, über dunkle Schluchten und entlang dem wunderschönen Kewlona-See schlängelten sich die 340 Meilen Geleise der kleinen Eisenbahn. Doch Glanz und Gloria währte nur kurz: Mit dem unaufhaltsamen Einzug des Automobils und dem Bau neuer Highways blieben die Passagiere vermehrt aus und die wenigen Touristen, die damals nach British Colombia kamen, waren an einer veralteten Eisenbahn nicht interessiert.

Schade… …aber auch ganz gut für Mountainbiker und Wanderer, die heute auf dem aufgegeben Trassen der Kettle Valley Eisenbahn quer durch BC wandeln. Hmm, und so dachte ich, gut auch für Geländwagen. Eine Brücke die vor einigen Jahrzehnten ganze Eisenbahnzüge aushielt wird wohl auch den 3000 Kilo meines Land-Cruisers widerstehen können. 

Ausgestattet mit meinem „Dirt Road Mapbook“ machte ich mich auf, „meine“ Brücke und einen Meilenstein meiner Weltreise zu entdecken. Kleinen Strassen folgend erreichte ich das Myra Valley und die alte Eisenbahnroute. Und tatsächlich: über Brücken, die kaum breiter waren als mein Auto, und entlang gefährlich tiefer Abgründe fuhr ich in eine immer wildere Umgebung ohne Zufahrtsstrassen, Elektrizität oder Notrufsäulen. Erstaunlicherweise schienen viele der Brücken brandneu zu sein – offenbar renoviert der Tourismusverein von British Colombia ein weinig. Dach da, was ist das? Eine Barriere? „No trespasing“? Aber wieso? 

Auf diese Frage konnte ich keine Antwort finden. Da die Barriere nicht gesichert war hob ich den Balken an und setzte meine Entdeckungsfahrt fort. Durch einen unbeleuchteten Tunnel fahrend, der roh aus dem Stein gehauen war, entdeckte ich den Grund des Durchfahrtsverbots. 5 Bauarbeiter starten mich an als käme ich von einem anderen Planeten. Oups, das war jetzt nicht so gut. 

Ich entschied mich, auf die Herren zuzugehen, ihnen Plastikperlen oder sonstige Geschenke im Austausch für mein Leben anzubieten… Doch schnell merkte ich, dass weder mein Leben in Gefahr war und dass sie auch den Land-Cruiser nicht in die Tiefe des Tales stossen wollten. Mehr war ich eine willkommene Abwechslung. Ich liess mir die Konstruktion der neuen Brücke erklären, erfuhr dass vor 3 Jahren ein grosser Waldbrand die Brücken der alten Eisenbahn mehrheitlich dahin gerafft hätten (auch meine Brücke???) und dass ich hier offenbar nicht mehr weiterfahren könne.

In brüderlicher Freundschaft und nach vielen Handshakes kehrt ich um und sucht einen neuen Einstieg auf die Trassen der Kettle Valley Railway. Nach vielen vergebenen Versuchen fand ich schliesslich bei Peticon einen Zugang. Und der Blick, der sich mir anbot, war atemberaubend: In der Abendsonne schimmerte der See golden, die (abgebrannten) Bäume warfen lange Schatten und ich genoss die Fahrt über Stock und Stein. Einem verfallenen Tunnel ausweichend kam ich endlich mal wieder dazu, die Geländeuntersetzung des Cruisers zu nutzen. Und nach 3 Stunden erreichte ich sie: Meine Brücke! Es gab sie noch! Und sie war wunderschön!

Leider war die Brücke, soweit das für ein feminin angehauchtes Wort möglich ist, kastriert! Irgendwelche perversen Sicherheitsfanatiker haben in der Mitte der Brücke einen Spazierpfad eingerichtet, gesichert durch hohe Geländer. Die Geländer lassen keinen Raum für ein Auto – und schon gar nicht für einen Land-Cruiser. Auch nicht mit eingeklappten Aussenspiegeln.

Da stand ich nun – an einem Etappenziel meiner Reise, welches vom Feuer verschont nur auf seine Entdeckung durch mich wartete. Und ich konnte nicht rüber, konnte das Foto nicht schiessen, dass mir schon seit Monaten vor Augen schwebt: Panmundo ohne Seil und doppelten Boden über den Baumwipfeln Kanadas.

Was nun? Den ganzen Weg zurück fahren mochte ich nicht, rüber konnte ich nicht, also blieb mir nichts anderes übrig, als den Abstieg in die Schlucht zu wagen. Einem steilen Schotterpfad folgend und mehr rutschend als fahrend erreichte ich den Talboden. Hier galt es einen kleinen Fluss zu überqueren (nichts gegen die reisenden Ströme in Island) und dann war ich gespannt ob ich auf der anderen Seite ohne Seilwindeneinsatz wieder hoch kommen würde. Und: es klappte! Mit Untersetzung und 3 gesperrten Differentialen kletterte mein Auto höher und höher und schliesslich erreichte ich die andere Seite der Brücke. Na ja, irgendwo war ich nun doch ziemlich zufrieden.