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August 27, 2006 04:52:46
Die Eroberung des Yukons (Teil 2)
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Nun ging es wieder voran. Die Strömung alleine sorgte für ein Vorankommen von schätzungsweise 6 Kilometern pro Stunde. Nach langen Stunden und mit letzter Kraft erreichten wir schliesslich das Night-Camp für die 3. Nacht – nach 40 weiteren Kilometern auf dem Yukon. Ich hatte Shaye schon seit mehr als einer Stunde aus den Augen verloren und nutzte meinen Vorsprung für ein (kurzes) Bad im kalten Yukon. Anstelle des Feigenblattes nutzte ich mein rotes Badetuch – und das sorgte für Verwirrung. Shaye paddelte munter an mir vorbei und fragte aus ca. 50 Metern Entfernung „did you see my friend?“. Sie erkannt mich nicht! Die Strömung war stark und Shaye hatte keine Chance gegen die Flussrichtung anzukämpfen – schon gar nicht nach einem halben Tag auf dem stürmischen See und 40km auf dem Yukon. Ich rannte ihr nach, so gut es einzig mit einem Badetuch bewaffnet und barfuss eben ging. Das Ufer unterhalb des Night-Camps war steil – kein Platz um sanft anzulegen. Irgendwie erwischte ich den Bug des Kajaks und zog mühsam das Kajak mit Shaye darin den Fluss hoch. Sie schient das ganz amüsant zu finden (an dieser Stelle eine Empfehlung für zukünftige Weltreisende: rennt nicht mit nackten Füssen dem Yukon-Ufer entlang – oder aber nehmt eine Pinzette mit).

Dieses Camp war erstaunlich komfortabel ausgestattet – mehrere Tische, Feuerstellen und 2 Toilettenhäuschen (sog. „Outhouses“) liessen einem vergessen, dass in die nächste Strasse in beide Richtungen ca. 170km entfernt war. Bald erkannten wir, dass die paddelnden Kanadier merkwürdige Vorlieben haben. Ich wusste ja, dass Mädels gerne zusammen ZUR Toilette gehen – in Kanada geht das aber noch etwas weiter (und die Jungs sind entsprechend emanzipiert). Siehe Fotos. Auch hier war das Feuer bereits bereit – eine junge Japanerin namens Miko, die alleine den Yukon bezwang, lud uns ein, Ihr Feuer mit zu nutzen. Sie tat dies schriftlich (ich wusste, dass Japaner sehr höflich und etwas distanziert sind, aber das erstaunte mich dann doch) und es brauchte Shayes Erklärung, dass Miko stumm sei, um mich von meinem Kulturschock zu erholen (ich hatte mir schon ausgemalt wie mir der japanische Zöllner schriftlich mitteilt, dass er gerne mein Auto durchsuchen möchte).
Am vierten Tag erwartete uns die Sonne. Ich reparierte den Ruderseilzug, der gerissen war, mit der Routine eines Fahrradmechanikers der vor einem Jagdflugzeug steht und schon konnte es losgehen. Nach wenigen Flussbiegungen erreichten wir das Wrack der SS Evelyin (SS = Steam Ship), einem mehr als 100 Jahre alten Raddampfer. Nach einer Havarie wurde sie aufs Trockedock von Hootalinka, einer Ortschaft mit damals 100 Einwohnern, gezogen. Und geriet dort nach dem Abflauen des Goldrausches in Vergessenheit.
Für die lange Zeitspanne schien uns das Wrack erstaunlich gut erhalten zu sein und in der Sonne gaben wir uns Mutmassungen über die Schicksale der Passagiere hin.

Um 1900 herum zogen zehntausende Glücksritter, Huren und Halunken von Whitehorse nach Dawson City um ihre Claim abzustecken, respektive den Goldsuchern das Gold wieder abzunehmen (Buchtipp: „Journey“ von John Mitchener). Damals gab es keine Strasse und die Raddampfer waren das einzige Transportmittel, um den Norden zu erreichen. Der Fluss ist launisch – ohne grosse Anstrengung identifizierten sogar wir mitten im Flusslauf seichte Stellen, an denen unsere Kajaks mühelos Kontakt mit den Kieselsteinen des Flussgrunds fanden (ein unangenehmes Gefühl wenn der Bootsboden knirschend über die Steine schrammt). Nicht auszudenken wie schwierig es gewesen sein muss, einen 60 Meter langen Raddampfer durch den Yukon zu steuern. Und nicht weiter verwunderlich, dass jede Flussbiegung und Insel im Yukon den Namen eines gesunkenen oder havarierten Schiffes trägt.

Trotz angestrengter Suche konnten wir keine angejahrten Wasserleichen oder einige Klumpen Gold finden und so paddelten wir weiter. Das Licht war golden und die Fahrt machte Spass. Nach 3 Tagen waren unsere Muskeln an die Paddel-Bewegung gewohnt – kurzum - es lief rund!

Nach einem kurzen Mittagsstopp und dem damit verbunden Power Nap rief mich Shaye aufgeregt zu den Booten. Quer über unseren Fussspuren waren die Abdrücke von Bärentatzen zu sehen! Offenbar hatte ein Bär unseren Mittagsschlaf  für eine kurze Inspektionstour genutzt (nun keimten wieder Hoffnungen auf dass ich vielleicht doch noch einen Moose sehen würde – aber ich sollte erneut enttäuscht werden).

Dieser 4. Tag hatte es in sich: Als wir kurz vor Eindunkeln den „Twin Creek“-Camp erreichten hatten wir sage-und-schreibe 103 Kilometer gepaddelt. Rekord! Wir feierten unsere Leistung mit der letzten Büchse Cola und freuten uns, nur noch ca. 70km von Carmacks, unserem Ziel, entfernt zu sein.

„Fishing is a passion sport“ hatte mir mal Andrew, mein Gastbruder während meiner Sprachferien in Boston vor mehr als 12 Jahren gesagt. Das stimmt. Zum ersten Mal warf ich am 5. Tag unserer Yukon-Eroberung meinen Köder mit der vor kurzem erstandenen Angelrute aus. Doch da auch nach 15 Minuten noch kein Lachs angebissen hatte entschied ich mich, mein Fischgericht zu vertagen und mich genüsslich einem weiteren Getreideriegel zu widmen. Vielleicht klappt’s in Alaska oder vielleicht solle ich mich aufs Dynamit-Fischen verlegen.

Während diesen letzten Stunden auf dem Yukon sahen wir zum zweiten Mal einen Adler. Majestätisch. Leider folg auch dieses Exemplar der Königsklasse der Vögel weg, bevor ich meine Kamera aus der wasserdichten Verpackung befreit hatte. Shaye war nun aufgeregt und fragte häufig nach der Entfernung zum Ziel. Heimlich freute ich mich, dass ich die Karte an Bord hatte – es ist befriedigend zu wissen, nach welcher Flussbiegung das Camp oder eben das Ende der Reise auftaucht.

Und dann: Es galt anzustossen! Wir machten die einzige Bar des Städtchens Carmacks ausfindig, bahnten uns einen Weg durch die besoffenen Indianer (zu dieser Problematik hätte ich noch viel zu sagen!) und fragten den Barmann nach „Cuba libre“ – insgeheim in der Erwartung, dass er uns fragend anschauen würde und auf die 4 Zapfhahnen verweisen würde. Seine Antwort erstaunte uns: „Cuba libre? This is a bar.“ Und so stiessen wir dann an und freuten uns, dass wir es gemeinsam geschafft hatten, 340 Kilometer Wildnis zu durchqueren und dies in 5 anstelle der im Lonely Planet empfohlenen 8 Tage!

The Hitchhiker`s Guide Back To Whitehorse (Schlussnotiz): Okay, wir haben Carmacks erreicht, aber wie kommt man nun wieder zurück? Autostopp? Ja, schon, aber wo sind die Autos? Während den ersten 30 Minuten kam nicht ein einziges Fahrzeug vorbei – ausser dem Sohn des Campgroundbesitzers auf seinem 3-Rad, aber der wollte uns nicht mitnehmen. Schliesslich erreichten wir mit einem Fischer die örtliche Tankstelle… und sprachen sämtliche vorbeikommende Fahrzeuglenker auf ihre Destination hin an. Schliesslich nahm uns ein First-Nation Ehepaar mit – und chauffierte uns bis vor die Haustüre der Jugendherberge in Whitehorse. Mein Eindruck der Ureinwohner dieses Landes besserte sich.


Referenzliteratur: Jack London Bücher, Onkel Dagobert am Yukon, Lucky Luke am Mississippi (für Raddampfer), John Mitchener „Alaska“ und „Journey“