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Nein, ich hatte keine Reifenpanne und bin auch nicht an einen monopolistisch veranlagten Provinzreifenhändler gelangt. Vielmehr campierte ich an einem schönen See nahe Labrador-City (das klingt nach mehr als das es in Wahrheit ist) und wurde von einer Einladung überrascht. Doch davor…
Nach einer erstaunlich gut durchschlafenen Nacht auf dem Fussboden der Fähre Cartwright-Goose-Bay hielt ich mich in Goose-Bay auf.
Die Fähre als solches war zwar alt und etwas muffig. Ihre Besatzungsmitglieder und Passagiere aber leutselig und einem Bier nicht abgeneigt. So verbrachte ich den Abend in Gesellschaft von Julie, einer Maturandin aus St. John’s, einem im Mexiko lebenden Schweizer Ehepaar (es ist interessant zu sehen, dass die Schweizer beim Nachnamen bleiben auch wenn alle Kanadier „Du“ sagen), von John und James, einem in einem Bergwerk in Fermont arbeitenden Bruderpaar und Mary, der Chef-Stewardess.
Wie dem auch sei: In Goose-Bay regnete es. Was an sich angenehm ist – die Moskitos hatten Flugverbot.
Irgendwie hatte ich mir mehr erwartet von dem für mich irgendwo abenteuerlichen klingenden Namen der Provinz-Metropole. Was vorzufinden war beschränkte sich auf einen Militärflugplatz (Zutritt verwehrt), einem Militärmuseum (geschlossen), einigen Motels und sehr, sehr vielen Tannen.
Ein Paradies für Baumliebhaber. Es gibt aber, so mein biologisch wahrscheinlich nicht abschliessendes Urteil, höchstens 4 Baumsorten zu sehen. Davon - wie erwähnt - sehr, sehr viele.
Ich machte mich auf um der Sonne entgegen zu fahren. Und nun realisierte ich zum ersten Mal den Vorteil der Schweiz. Alle 10 Kilometer passiert was. Ein Autobahnrestaurant. Eine Stadt. Ein IKEA-Einrichtungshaus. Berge. Täler.
Nicht so in Kanada. Nach 332km erreichte ich Churchill Falls und besuchte die Tankstelle. Dann ging es weiter – und ich konnte beim besten Willen nicht sagen, ob ich wieder zurück nach Goose-Bay fuhr oder weiter gegen Südwesten. Die Strasse war nach wie vor eine Staubpiste. Die Tannen erinnerten mich an die unendliche und weiter voranschreitende Ausdehnung des Universums.
Doch dann, Abwechslung! Ein entgegenkommender Lastwagen (was ein Ereignis an sich ist) schleuderte einen Stein auf meine Windschutzscheibe. Diese ist nun durch einen Querstreifen verziert. Aber immerhin, ich war wieder hellwach.
Irgendwann erreichte ich Labrador-City und besagten See. Unterdessen war der Himmel strahlend blau und meine Laune besserte sich. Ich traf Don wieder, der mich beim Ausschiffen in Goose-Bay zu einem Besuch seiner Familie nahe Toronto eingeladen hatte. Wir tranken Portwein im Sonnenuntergang. Später kam die Besitzerin des Campingplatzes dazu und wir sammelten etwas Holz für ein Feuer. Als das Feuer brannte und die unzähligen Moskitos verscheuchte, kamen schliesslich Diego und seine sich offenbar mit Wasserstoff auskennende Freundin hinzu. Diego war Sicherheitschef bei der nahe liegenden Eisenmine und so kam es, dass ich heute morgen einen Lokaltermin zu einer privaten Besichtigung der Mine hatte.
Beeindruckend. Nicht so sehr die Mine als solches, da es sich um Tagbau handelte, aber die Fahrzeuge. Ein Kipper ist 14 Meter hoch, kann 250 Tonnen Eisenerz laden, und hat Reifen in Dimensionen die jeden GTI oder M3-Fahrer erblassen lassen würden. Und ein Reifen kostet 22`000 Dollar (und hält ein ca. 4 Monate, da die Fahrzeuge 18 Stunden am Tag im Einsatz sind). Diego fuhr mich mit seinem Truck quer durch das Gelände. Jeden Tag verlassen 3 lange Züge, die tausende Tonnen Eisenerz transportieren, das Gelände. Alles ist riesig.
Immer noch beeindruckt fuhr ich weiter nach Süden. Alle 200km musste ich stoppen, um Wasser abzulassen. Nein, lieber Leser, ich will sie nicht mit intimen Details schockieren: Der Land-Cruiser musste Wasser ablassen. Noch immer sind Wasserrückstände im Diesel, die noch vom Einbau des Zusatztankes stammen. Der Dieselfilter scheidet diese aus und ein alarmierender Warnton gepaart mit einem orangen Lämpchen im Armaturenbrett fordert zum Aderlass auf. Was an sich nicht schwierig ist.
Überhaupt fordern die Schlaglochpisten in Island und Kanada langsam ihren Tribut:
Die Windschutzscheibe muss ersetzt werden. Die Beifahrertüre lässt sich nicht öffnen (ok, da bin ich selbst schuld). Ich musste alle Lebensmittel aus der Kühltruhe wegwerfen, da irgendwas erbärmlich stankt. Die Antenne ist abgebrochen. Meine Dusche funktioniert nicht mehr. Die Abdeckplane des Dachzelts weist Verschleissspuren auf. Die Außentemperaturanzeige hat den Geist aufgegeben. Alles ist extrem staubig.
Aber irgendwie bin ich trotzdem guter Dinge und freue mich schon auf Quebec und Montreal.