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January 15, 2008 14:07:04
Nichts für Vegetarier: 360kg Fleisch in Bewegung
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08:30 Uhr. Eröffnungszeremonie. Wir sind leider nicht dabei, da wir uns zu dem Ufo-ähnlichen Nationalmuseum verlaufen haben. Welches gleich neben der Sumo-Arena liegt, aber eben nur „gleich neben“.

08:45 Uhr. Lili hat erfolgreich unsere Voucher gegen Tickets umgetauscht und wir suchen unsere Sitzplätze. Erfolglos – es war nicht anders zu erwarten. Noch denke ich zuwenig japanisch um zu verstehen, dass die Sitzplatznummer 2-37 logischerweise bei Eingang 5 zu finden ist. Zwei Japanerinnen in Kimono erbarmen sich unser und wir werden bis zu unseren Sitzen geführt.

08:58 Uhr. Meinen Wintermantel habe ich immer noch nicht abgelegt. Nicht das es kalt wäre: Ich kann den Blick nicht vom Ring abwenden. Was ich hier sehe ist wirklich eindrücklich. Im 5-Minutentakt erklimmen neue Athleten (=Rikishi) den Ring -  massive Gestalten, die einen Tanga-artigen Lendenschurz (=Mawashi) tragen. Der prächtig gekleidete Ringrichter dirigiert die Kontrahenten auf ihre Plätze, man streckt sich, schaut grimmig, geht einander gegenüber in die Knie und somit in die Angriffsstellung (=Shikiri), und… …greift dann nicht an. Kaum in der Hocke erhebt man sich wieder, läuft nochmals zum Salzbecken, reibt die Hände im Salz, schmeißt ein bisschen davon in den Ring (das soll Glück bringen) und salutiert die (noch sehr spärlich vorhandenen) Zuschauer.

Zurück in der Hocke kann ein Angriff stattfinden – oder auch nicht. Vielleicht möchten sich die beiden Sumo („Sumi“ als Plural existiert nicht!) doch noch kurz Arme reiben oder den Mund spülen. Das Hin-und-her darf bis zu 4 Minuten dauern und dient dazu, sich selbst mental auf den Kampf vorzubereiten und dem Gegner Angst einzujagen. Irgendwann geht es dann aber plötzlich ums Ganze.

Ein Sumo greift blitzschnell den anderen an (=Tachi-ai). Fleisch klatscht auf Fleisch, es knallt wuchtig. Die Ringer sind erstaunlich flink – vor allem wenn man an das eher behäbige und langsame Drumherum denkt, welches jedem Kampf vorausgeht.

Es gelten harte Regeln – kein Schlagen, kein Haareziehen (der Haarknoten dient übrigens nicht nur der Verzierung sondern soll auch den Kopf bei einem Aufprall schützen) und vor allem: Kein Geräusch! Man hört nichts – nur den Atem der Ringer und das Aufschlagen von 180kg Fleisch im Sand.

Ein einzelner Match geht sehr schnell – selten dauert es mehr als 20 Sekunden bis einer der Ringer aus dem Ring gedrängt ist oder mit irgendeinem Körperteil (Füsse ausgenommen) den Boden berührt.

Sobald ein Ringer verliert, verbeugt er sich, und verlässt ohne ein Miene zu verziehen den Ring. Der Sieger kniet nieder, wird vom Ringrichter belobigt und verlässt dann, ebenfalls ohne eine Geste der Zufriedenheit oder Erleichterung, den Ring.

10.11 Uhr. Den Mantel habe ich nun doch ausgezogen. Eben habe ich das Programmheft aufgeschlagen, und gesehen, dass die richtig guten Sumo erst ab 14:30 Uhr antreten werden. Was wir hier sehen ist nur 4. und 5. Liga (es gibt 5 Sumo-Güteklassen). Das lassen wir uns natürlich nicht bieten und verlassen aufgebracht unsere Sitze, um Starbucks einen Besuch abzustatten und um ein kleines Frühstück einzunehmen. Nicht ohne uns zuvor unsere Sitzpositionen genau gemerkt zu haben.

14:15 Uhr. Es ist was los! Die Sumo-Ringer der Makuuchi-Klasse treffen beim Südportal ein. Für mich schauen alle gleich aus – trotzdem tobt die Menge ab-und-zu, um einem ihrer Helden zu huldigen. Viel Aufsehen erregt ein über 2 Meter grosser Kaukasier: Der Bulgare Katsunori-Kotooshu! Als erfolgreichster nicht-Japanischer Sumo-Ringer geniesst er eine grosse Anhängerschaft – aber auch er zuckt nicht mit der Wimper als die Fans im freudig zuwinken.

Interessant: Die meisten Sumo-Ringer tragen Brille – können auch Augen verfetten (die Legende besagt, dass Sumo viel Kobe-Beef essen!)?

14:30 Uhr. Dieses Mal sind wir rechtzeitig am Ring. Die Sumo-Ringer treten in einer langen Kolonne in den Ring und werden einzeln vorgestellt. Jeder Ringer trägt über seinem Keuschheitsgürtel einen farbenprächtigen Lendenschurz aus Seide (Kostenpunkt: zw. 4'000 und 7'000 Dollar je Schurz). Wiederum lächelt keiner der Ringer, keine Miene wird verzogen, nicht einmal, wenn die Menge bei der Nennung des eigenen Namens tobt.

15.58 Uhr: Oups! Eben flogen 183kg Fleisch aus dem Ring (der Ring ist ca. 80cm über dem Boden erhoben und hat keine Geländer oder Seile). Der arme Sumo landet direkt auf einer alten Frau und einem der Hilfsringrichter, die in schwarzen Talaren rund um den Ring sitzen. Erstaunlicherweise ist wiederum nicht ein Ausruf des Entsetzens oder Schmerzens zu hören. Wir sind in Japan – man trägt alles mit Fassung.

17.40 Uhr: Der zweiletzte Kampf. Und entsprechend Sumo der ersten Garde (=Yokozuna)! Die beiden Kampfmaschinen umarmen sich bereits seit 2 Minuten. Die Menge tobt. Nun kommt Bewegung in das Gemenge und beide gehen gemeinsam zu Boden. Wer ist zuerst mit dem Sand in Berührung gekommen? Der Ringrichter ist ratlos (er zeigt dies mit einer Bewegung seines Fächers). Die Hilfsrichter steigen nun in den Ring und beraten. Das dauert 2 Minuten. Es wird auf Re-Matching entschieden. Die beiden Ringer lassen sich weder Enttäuschung noch Erleichterung anmerken und gehen erneut in Angriffsposition – allerdings nur, um sich gleich darauf die Hände im Salzbecken zu waschen. Schliesslich gewinnt der Sumo mit dem weissen Lendenschurz.

17:45 Uhr: Stimmung kommt auf. Der König der Sumo steht im Ring! Asashoryu himself. Sein Gegner ist ebenfalls ein Schwergewicht. Der Kampf ist hart; lange ist nicht klar, wer die Oberhand behalten wird. Schliesslich siegt Asashoryu und nun ist es um die Selbstbeherrschung der Japaner geschehen. Von Kleinkind bis zu Oma schreit nun jeder, es werden Sitzkissen in den Ring geworfen und der Sieger erlaubt sich eine knappe Verbeugung. Schliesslich übergibt ihm der Ringrichter eine Art Schwert, welches geschickt über dem Kopf hin-und-her balanciert wird. Die meisten Japaner sehen dies aber nicht mehr und strömen bereits Richtung U-Bahn und Toyota.

Morgen wird es weitergehen: Insgesamt stehen 15 Tourniertage an. Jeden Tag kämpfen dieselben Sumo (Gewichtsklassen gibt es keine) – wer am Schluss am meisten Tagessiege erzielt hat, wird Tournierkönig und erhält den „Emporer-Cup“.

Nach dem Tournier dürfen die Athleten erstmal ausruhen und die verlorenen Pfunde wieder antrainieren (oder eben: anfressen) – pro Jahr werden nur 4 Tourniere durchgeführt.h