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Zeitplan der PanMundo-Reise (PDF)


Ein bisschen mulmig war mir schon. Zwei volle Tage in einem Viererabteil. Mit Chinesen, die höchstwahrscheinlich kein Wort Englisch sprechen. Und die ganz sicher schnarchen und einem vom oberen Bett in die Schuhe spucken. Let’s see…
Nachdem ich den gewaltigen Bahnhof des Westens in Peking betreten hatte, schien sich meine Erwartung zu bestätigen: In dem für meinen Zug vorgesehenen Wartesaal war kein europäisches Gesicht zu sehen, nicht mal ein amerikanisches. Die Ansagen wurden in ohrenbetäubender Lautstärke von einer kleinen, böse schauenden Chinesin durchgegeben – natürlich in Chinesisch. Glücklicherweise gab es eine Informationstafel, in der Zugsnummer und Bahnsteig in Zahlen ersichtlich waren (Destinationen natürlich nur in Chinesisch) – und die Zugsnummer stand fett auf meinem Beijing-Lhasa Ticket.
Mein mulmiges Gefühl wurde durch einen weiteren Faktor verstärkt: Ich hatte kein „Tibet Travelling Permit“ (TTP), ohne welches man nicht nach Tibet reisen darf (ein Zugsticket kann man eigentlich auch nicht kaufen). Nicht dass ich nicht eines hätte kaufen wollen - aber die Bearbeitungszeit von 3-4 Arbeitstagen liess sich nicht mit meiner Reisewut paaren. Würde ich beim Einsteigen nach einem TTP gefragt werden und sofort des Landes verwiesen werden?
Gemütlich und wild um mich fotografierend schlenderte ich an den Polizisten auf dem Bahnsteig vorbei. Ich wurde keines Blickes gewürdigt und freute mich ob meiner Anonymität. Im Zug wurde ich positiv überrascht: Angekommen in meinem Abteil wurde ich freundlich begrüsst – und zwar von zwei Herren auf Chinesisch („Ni hao!“) und von Guxiaoyi, einer chinesischen Fotographiestudentin, in Englisch! Glück gehabt! Als ich mich im Abteil umschaute wurde ich zunehmend zufriedener: Gute Betten, genügend Platz, Flatscreen Bildschirme über jedem Bett, sogar Blumen auf dem Tisch.
Zusammen mit Gu machte ich mich bald auf, den Speisewagen zu erkunden. Und siehe da: Wir wurden von zwei Holländern und einem chinesisch ausschauenden Kanadier an den Tisch geladen. Arthur, der Holländer und ich wollten Rotwein – wir lachten beide über unseren hoffnungslosen Wunsch. Der Maitre de Cabin verstand uns erst nicht, aber dann – siehe da – kam er an mit einer Flasche „Great Wall“-Rotwein. Keine önologische Glanzleistung, aber trinkbar. Nach nur einem Glas sang der Kanadier, ein pensionierter Molekularbiologe, und ich „Ein Prosit der Gemütlichkeit“. Der Abend liess sich gut an! Wir tauschten Geschichten und bald war es 24 Uhr. Zeit für ein weiteres Lied:„Happy Birthday“! Meinen 29. Geburtstag feierte ich im Zug von Peking nach Lhasa! Und gar nicht mal schlecht. Ich freut mich über die Gesellschaft und dass mein Handy auch im Zug funktionierte – schon piepste das erste Geburtstags-SMS!
Die Nacht war kurz. Bereits um 07 Uhr dröhnte fröhliche Morgenmusik durch die Lautsprecher – offenbar ein für Chinesen nicht unerwartetes Ritual. Die Landschaft blieb weiterhin uninteressant: Auch 1500km westlich von Peking blieb es bei grau-braunen Feldern. Zusammen mit Arthur und Kim, den beiden Holländern, machte ich mich auf, zur Zugsspitze zu marschieren. Je weiter wir kamen desto klarer wurde es: Unsere Wahl des „Soft Sleepers“, was einem Erste Klasse Schlafwagen gleichkommt, war das einzig Richtige. Zusammengepfercht in engen 6er-Abteilen ohne anständige Türen schienen die nach Lhasa reisenden Chinesen kaum Platz für ihr Gepäck zu finden. Noch schlimmer wurde es in den „Hard Seat“ Abteilen: Man stelle sich vor: 47 Stunden auf einem unbequemen Sitz ohne die Chance eines Speisewagenbesuchs. Und geraucht wird auch überall.
Zurück in unserem etwas luxuriöseren Abteil stellte sich der Schaffner vor – zum zweiten Mal. Offenbar gefiel ihm meine Mitreisende Gu ganz gut. Als er hörte, dass heute mein Geburtstag sei, meinte nach einem Blick auf die Uhr: „Um 16 Uhr gibt es eine Überraschung“. Dann rannte er weg. Ich war gespannt – würde es der Koch schaffen, in nur 20 Minuten einen Kuchen zuzubereiten?
Punkt 16 Uhr klopfte der Schaffner wieder an. Ich sass mit Gu auf ihrem unteren Bett und las in einem Schundroman, der von Flugzeugabstürzen handelte. Der Schaffner meinte „Surprise!“, legte sein Handy auf das Bett, und rannte wieder davon. Und siehe da: Nach 10 Sekunden begann das Handy damit, ein chinesisches Geburtstagslied zu spielen (so erklärte mir wenigstens Gu). Ich war gerührt.
Das Essen im Speisewagen war erstaunlich gut – und nach der Völlerei wollten wir Karten spielen. Obwohl ich die Spielkarten beim Schaffner erst gerade erstanden hatte, kam eine Stewardess, deren Mund der Frontpartie eines Aston Martins glich, zu unserem Tisch und erklärte auf Chinesisch, dass wir hier nicht Karten spielen dürften. Wir fragen wieso, und erhielten die Antwort „Regulations!“. Wir beschlossen, das alte Kampfross zu ignorieren und spielten weiter. Im 15-Minuten Takt kam die Naturschönheit vorbei und erklärte noch mal, dass wir nicht Karten spielen dürften. Um 21 Uhr gaben wir klein bei, und spielten in unserem Coupé weiter.
Der zweite Tag belohnte uns mit landschaftlich sehr schönen Bildern: Der Zug fuhr nun über ein Hochplateau und kletterte langsam bis auf 5030MüM. Die Landschaft war karg, mit zugefrorenen Flüssen und Schneelandschaften dekoriert. Immer wieder sahen wir Yak-Herden – den Tieren ist es bei -20 Grad erst so richtig wohl!
Nun tauten auch die anderen Mitreisenden auf und immer wieder erhielten wir Besuch von Mönchen und aufgeschlossenen Chinesen. Auch die beiden Herren, die mit Gu und mir das Abteil teilten, wurden gesprächiger. Wir erfuhren dass sie Brüder und „Businessmen“ seien. Sie wollten mehr über meine Reise wissen und Gu amtete als Übersetzerin. Irgendwann wollte der eine wissen, ab wann man sich in der Schweiz denn als „reich“ betrachten könne. Eine nicht ganz einfache Frage – die wohl vom Blickwinkel und der eigenen Kapitalkraft abhängt. Nach einigem Überlegen antwortete ich, dass kaum ein Schweizer von sich aus sagen würde, dass er reich sei, dass man aber als „reich“ gelten könne, wenn man zwei oder mehr Millionen auf der hohen Kante habe, die man für das tägliche Leben nicht benötige. Da erntete ich nur ein mitleidiges Lächeln. Der eine der Brüder erklärte dann, dass man das in China bestenfalls als den Beginn von Reichtum betrachten könne – er und sein Bruder hätten derzeit ungefähr 90 Millionen Dollar auf ihren Konten und sie würden sich noch nicht als wirklich reich betrachten. Ok, lesson learnt.
Die Reise ging weiter und irgendwann erreichten wir den Bahnhof von Lhasa. Wow. Geklotzt und nicht gekleckert. Die Bahnhofshalle war riesig (es kommt pro Tag ein Zug von Peking aus an…), unser Zug stand fast ein bisschen verloren auf den Geleisen. Die Beleuchtung war raffiniert, die Architektur zeugte in gut-kommunistischer Tradition von Grössenwahn und Weltmachtsansprüchen.
Nun galt es für mich ernst: Würde einer der Polizisten mich anhalten und nach meinem nach-wie-vornicht vorhandenen „Tibet-Travel-Permit“ fragen? Und falls ja – wie schlimm würden die Repressalien ausfallen? Per „Hard-Seat“ zurück nach Peking?
Nichts dergleichen. Obwohl alle Reiseführer den Kauf eines TTP für unabdingbar halten und man offiziell nur ein Zugsticket kaufen kann, wenn man ein Reiseerlaubnis für Tibet in Händen hält, habe ich es ohne Probleme und ohne weitere Aufwendungen nach Lhasa geschafft. Es lebe die individuell vollzogene Deregulierung!
Zusammen mit meinen drei Reisegefährten machten wir uns auf zum Yak-Hotel und – wie könnte es anders sein – bestellten vier zarte Yak-Steaks! Morgen werden wir Lhasa entdecken