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March 6, 2008 13:59:37
Wenn nur alles Sibirien wär’…



Ich muss es gestehen: -30 Grad und Sonnenschein macht Russland angenehmer als 0 Grad, Schneematsch und grauer Himmel. Seit Tagen fahre ich durch einen Schneesturm. Überall umgekippte Lastwagen, hinter jedem Schneehügel steht ein Polizist mit Radarkanone und zu sehen gibt es… …nun ja, überhaupt nichts!

Zur Auflockerung der endlosen 600-700km-Tage helfe ich jedem zweiten Moskovitch oder Lada (und einmal sogar einem Geländewagen) aus dem Schnee – ich könnte meine Reise mittlerweile als Abschleppunternehmer finanzieren (ich belasse es aber bei einem „Spassiba bolschoi“ – schliesslich sind die Russen auch immer sehr grosszügig mir gegenüber). Entlang der Strasse stehen in wilder Abfolge Signale –sich oft widersprechend. Häufig sieht man innert 30 Metern eine 50km/h Begrenzung, ein Überholverbot und gleich danach ein Aufhebungssignal. Die lokale Polizei entscheidet nach Lust und Laune was gerade aktuell ist (O-Ton: „Ja, da ist ein Aufhebungssignal, aber das gilt nur für das Überholverbot!“). In Sibirien gab es das nicht.


Ab und zu werde ich von einem Polizisten lässig per Zeigestock raus gewunken – nur einmal wollten die Jungs bisher Geld sehen. Ich habe vorgegeben überhaupt nichts zu verstehen (obwohl ich schon verstanden habe dass die Herren gerne 1000 Rubel haben wollten) und habe schliesslich „present for you“ gesagt und jedem eine Tafel Schokolade in die Hand gedrückt. Die zwei Polizisten schauten sich an, lachten schliesslich und gaben mir meine Papiere wieder.

Landschaftlich bietet Russland nach dem Baikalsee wenig – man müsste weiter von der Strasse weg, in die Berge… Dazu liegt aber zu viel Schnee. Des weitern muss ich feststellen, dass ich nicht mehr ganz so abenteuerwild bin, wie zu Beginn meiner Reise. Mein Gehirn arbeitet im „bring me home“-Modus – potentiellen Schwierigkeiten wie tagelanges Feststecken im Schnee probiere ich aus dem Weg zu gehen. 

Quer durch Sibirien und bis nach Moskau finden sich alle 500-800km grosse Städte: Auf Krasnojarsk folgt Tomsk, danach Novosibirsk, schliesslich Perm, Tyumen, Ekaterinenburg und Kazan. Ein kurzer Abstecher nach Nishni-Novogorod und schon erreicht man Moskau. Soweit ist es aber noch nicht ganz. 

Mit Ausnahme von Tomsk, wo ich den Schweizer Andreas besuchte und 4 Tage in bester Studentengesellschaft verbrachte, sind die Städte mehr grau als schön. Speziell Novosibirsk, die Hauptstadt Sibiriens, ist eine Enttäuschung. Trotzdem – Spass hatte ich eigentlich überall, was vor allem an den grossartigen Couchsurfern liegt, die mir überall begegnet sind. In Novosibrisk konnte ich so an einem „Russian Barbecue“ (Schaschlik bei minus 25 Grad gemütlich draußen verzerren) teilnehmen, in Tyumen brannte mir Couchsurfer Igor 5 Musik-CDs als Ersatz für meine in der Passage Japan-Vladivostok gestohlene Sammlung, in Kazan wurde ich an ein Rock-Konzert eingeladen. Alles ganz spassig – trotzdem zieht es mich nun nach Moskau – ich brauche „den Duft der Weltstadt“!

Ps: Bei Redaktionsschluss musste ich bereits zweimal je 500 Rubel Schmiergeld zahlen. Einmal für unerlaubtes Überholen, das andere Mal für überhöhte Geschwindigkeit. Na ja, 50 Franken Schmiergeld/Busse total für 9000km Russland ist akzeptabel – da stimmen mir auch Russen zu.