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March 7, 2007 18:16:56
Besuch im SOS-Kinderdorf Valle des Angeles, Honduras
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„111 Kinder von 4 bis 44“ erklärte uns der Direktor, der ständig seinem 2-jährigen Sohn das Keyboard des Computers zu entreissen versuchte. 100% der Kinder mit „discapacilidad“ – geistig und/oder körperlich behindert.

Das wohl speziellste SOS Kinderdorf, dass es weltweit gibt.

Nachdem David und ich uns durch den Nebelwald des „La Tigra National Park“ durchgeschlagen hatten (auf ständiger Flucht vor Pumas und Killer-Eichhörnchen) und die 12km Bergpfad wieder runter gefahren sind, klopften wir an die bewachte Pforte des „SOS Aldea Infantil Valle des Angeles“. Ein bewaffneter aber freundlicher Pförtner wies uns den Weg zum Haus des Direktors und wir konnten einen Besichtigungstermin für den nächsten Morgen ausmachen.

Was wir sahen war eindrücklich – und herzerwärmend. Honduras, ein Land mit einer Arbeitslosenquote von gegen 40%, kann wenig tun für die Schwächsten der Gesellschaft. Entsprechend hilft das Kinderdorf da, wo die Not am grössten ist und nimmt ausschliesslich behinderte Kinder auf. Der Pfelgeaufwand ist gross – wo in einem normalen Kinderdorf eine Hausmutter auf 10 kommt sind es hier zusätzlich zwei „Tias“, Tanten also, die die Kinder in einem Haus betreuen. Ein 24-Stunden Job.

Die Kinder werden psychologisch betreut, haben Zugang zu Physiotherapie und gehen zur dorfeigenen Schule.

Charlotte, die charmante freiwillige Helferin aus Deutschland, führte uns zusammen mit der Schuldirektorin durch das ganze Dorf. Die Kinder sind fröhlich – viel fröhlicher als die geistig behinderten Kinder, die ich vor Jahren in einer Eingliederungsstätte in der Schweiz gesehen habe. In jedem Raum, sei es Gemeinschaftsraum oder dem Essraum eines der Häuser wurden wir freudig begrüsst, mussten alle Hände schütteln, Umarmungen austauschen und Fotos schiessen. Die digitale Kamera schien viele Kinder zu begeistern – das ganze wurde zum Modell-Shooting – manche Kinder und Jugendliche wollten gleich 5-Mal abgelichtet werden.

Die Kinder töpfern, flechten je nach Möglichkeit auch Körbe oder helfen im Garten. Die Infrastruktur ist sehr gut – das Dorf macht den Eindruck eines schönen Ferienressorts. Auch im psychologischen Bereicht kann das Dorf Erfolge vorweisen: Noch während dem Gespräch (auf Spanisch!) mit dem Direktor umarmte und ein kleines Mädchen, dass durch die Türe geschlichen kam. Der Direktor erklärte uns, dass die autistische Susanna noch vor 3 Jahren Essen von sich gewiesen hatte, Kleider nicht anziehen wollte und jeglichen Körperkontakt zu anderen Menschen mied. Und nun umarmte sie mit sichtlicher Freude wildfremde Menschen und liess sich vom Direktor über den Kopf streichen!

Gleichwohl, die Zukunft schaut nicht allzu gut aus. Das Kinderdorf in Honduras spielt nicht nach den Regeln. Regeln der internationalen Organisation, die besagen, dass maximal 10% der Kinder in einem Dorf behindert sein dürfen.


Entsprechend der Regelverletzung (die seit 13 Jahren stattfindet) mangelt es nun an Geld. Bereits musste eine Familie aufgelöst werden – 9 Kinder wurden zu ihren nächsten Verwandten zurück gebracht. Kinder, die an Rollstühle gefesselt sind, vegetieren nun in ärmlichen Hütten, die nicht-Rollstuhlgängig sind, daher. Geistig behinderte Kinder magern ab, da sich die Grossmutter bereits um 5 Enkelkinder kümmern muss (beide Eltern leben nicht mehr) – da bleibt keine Zeit, Kind Nummer 6 zu füttern. Dass hier das Geld für eine fortgesetzte Betreuung fehlt, ist jammerschade.

Die Lehrer im Dorf mussten Putzjobs übernehmen – für die reguläre Putzmannschaft ist kein Geld mehr übrig.

Wir finden das traurig – da existiert eine gute Sache, die behinderten Kindern in einem Entwicklungsland ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, und das Geld fehlt.


Ps: Auf unsere Anfrage hin erhielten wir von SOS Kinderdorf folgende Antwort: „(…) Wie Sie bestimmt wissen, ist SOS-Kinderdorf International daran, seine Arbeit weltweit auf zwei Gebiete zu konzentrieren. Einerseits die SOS-Kinderdörfer für die Betreuung der verlassenen Kinder in den SOS-Kinderdorf-Familien und andererseits die Familienstaerkungsprogramme, deren Aufgabe und Ziel es ist, die schwächsten Familien so zu unterstützen und zu stärken, damit sie selbst in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Damit wird dem Verlassen von Kindern vorgebeugt.

Für alle anderen Projekte und Programme werden Alternativloesungen gesucht. So auch für das SOS-Kinderdorf „Valle de Angeles“. Es ist aber keineswegs so, dass der Geldhahn sukzessive zugedreht wird und die Kinder einfach zu den Grosseltern zurückgeschickt werden.

Behinderte Kinder haben ein Recht in einer „normalen“ Umgebung aufzuwachsen, im Fachjargon heisst das „Inklusion“. Ein Projekt mit ausschliesslich behinderten Kindern ist nach heutigem Standard nicht mehr den Kinderrechten entsprechend und muss daher in Richtung Inklusion einen Prozess der Veränderung initiieren. Eine Veränderung dahin, dass auch die SOS-Kinderdorfgesellschaft nicht mehr als die Gesamtgesellschaft an Behinderten integriert und das sind ca. 10% bis max. 15% der darin lebenden Menschen mit jeder Art von Behinderung.

Eine weitere Alternativloesung wäre, und diese müsste aber mindestens so gut sein wie die gegenwärtige Situation unserer Projekte,  eine Übergabe an eine andere Organisation (NGO), religiöse Mission oder den Staat. Auch ist die Zusicherung einer finanziellen Unterstützung unsererseits, vor allem für die erste Zeit nach einer Übergabe gewährleistet. (…)“