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July 1, 2006 23:51:50
Cape Race, Bären und Leuchttürme
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Die erste Nacht nach Ankunft des Land-Cruisers in Neufundland muss authentisch sein. Mit See, irgendwelchen wilden Vögeln, einem Sonnenaufgang und einsam natürlich. Die Fahrt in den Wildpark brachte dichten Nebel mit sich – Luciano Pavarotti in einem Papageno-Kostüm wäre mir erst auf 3 Meter Distanz aufgefallen. Nach unzähligen Abzweigungen, die meine Karte mir gekonnt verschwiegen hatte, baute ich schliesslich kurz vor Mitternacht das Dachzelt auf. Keine 5 Meter vom See. Das Wasser plätscherte lustig vor sich hin, der Wind frischte etwas auf.

Im Zelt konnte ich nicht schlafen. Gab es in Kanada nicht Bären? Und war da nicht ein merkwürdiges Geräusch, dass nur von einem hungrigen Bären stammen konnte? War das der Wind oder schaukelte das Auto so, weil sich ein Elch daran rieb (einen Elch hatte ich kurz vorher gesehen)? Und wie hoch können Wölfe eigentlich springen? Würde ein ausgehungerter Wolf das Dachzelt erreichen? Natürlich vermittelte mir mein Schweizer Armeemesser eine gewisse Sicherheit, aber um 3 Uhr morgen war ich davon überzeugt, dass es von Bären nur so wimmeln musste. Der Wind riss am Zelt und sorgte für einen Geräuschpegel der dem Maschinenraum der Titanic alle Ehre gemacht hatte. Gut, ich entschied dass Zelt abzubauen und mich in die relative Ruhe und Sicherheit der Führerkabine zu begeben.

A propos Titanic: Um 20 Uhr gestern Abend erreichte ich Cape Race. Einer der östlichsten Punkte Kanadas und der Ort, wo das SOS-Signal der Titanic zuerst empfangen wurde. Der Nebel war auch hier dermassen dicht, dass ich gleich einem Uralt-Autofahrer das Gesicht an die Windschutzscheibe presste um wenigstens etwas zu sehen. Nach 21 km Fahrt über eine Schotterstrasse, auf der die Kurven sich primär durch das von Schumacher geprägte „Ausgehen der Strasse“ ankündigten, kam das alte Funkhaus in Sicht. Kein Mensch, null Sicht. Zugegeben, ich fragte mich, was die Fahrt gebracht hatte und stapfte wieder auf mein Auto zu. Wie aus dem Nichts kommend stand ein älterer Mann mit militärischer Haltung vor mir und meinte freundlich „young man, state your business!“. Ich erfuhr, dass er als Museums- und Leuchtturmwärter fungierte. Er offerierte eine Privatbesichtigung, was ich gerne annahm. So erfuhr ich mehr über das erste Transatlantik-Telefonkabel, die damalige Nachrichten-übermittlung (die Agentur AP liess wasserdichte und schwimmende Container, die mit einer Signalflagge versehen war, von aus England kommenden Passagierschiffen werfen und sammelte diese mit ihrem so genannten „Nachrichten-Boot“ auf. Dies verschaffte der Agentur einen 3-tägigen Newsvorsprung gegenüber ihren Konkurrenten, die in New York auf Neuigkeiten warteten) und – natürlich – den Untergang der Titanic. Durch den Hinweis „all tourists do take some pictures“ sah ich mich genötigt, einige Fotos zu schiessen. Zur Belohnung durfte ich dann auch noch den Leuchturm erklimmen und in das Innere der gewaltigen Lichtspiegel klettern. Bei der Erwähnung des Leuchturms fragte ich „welcher Leuchtturm?“ da ich nichts dergleichen ausmachen konnte. Der Nebel war dicht genug, um einen  50 Meter hohen Turm bis auf 30 Meter Distanz zu verbergen. Schliesslich lud mich Cliff, so der Name des Turmwärters, auf einen Tee in sein gemütlich eingerichtetes Haus ein und zeigte mir auf Fotos, was ich alles durch den Nebel verpasst hatte. Er erzählte ein bisschen von seinem Leben und dass es, seit dem er alleine lebe, im Winter ein wenig einsam sein könne. Die Strasse raus zum Cape sei dieses Jahr für 22 Tage gesperrt gewesen.

Nach zwei Stunden machte ich mich wieder auf, um weiter Kanada im dichten Nebel zu erkunden. Immerhin, die Fahrt raus zum Cape Race hatte sich gelohnt.