07:30 Uhr. Frühstück im „Hide on Jeckyll“ Hostel in Whithorse,Yukon Territorries. Am Frühstückstisch eine junge Dame unbestimmter Nationalität in Boxershorts. Ergo: gemeinsames Frühstück.
07:38 Uhr. Die junge Dame entpuppt sich als Engländerin. Eine Engländerin die in den kommenden Tagen per Kajak den Yukon entdecken will. Ihr Oxford-English ist bezaubernd.
07:39 Uhr (teaming-up). Eben konnte ich die Dame in Boxershorts überzeugen, Ihren Trip bereits heute zu beginnen und gemeinsam mit mir den Gefahren der ca. 340km langen Flussfahrt zu trotzen. Plötzlich muss alles schnell gehen. Ich hatte den vorhergehenden Tag genutzt um ein Kajak zu mieten, Essen für 6 Tage zu kaufen, ein Wasseraufbereitungssystem zu wählen und wasserdichte Taschen zu kaufen. Jetzt müssen wir eine Liste der noch zu erledigenden Dinge erstellen, ein zweites Kajak akquirieren und möglichst vor Mittag auf dem Wasser sein.
07:50 Uhr. „…and by the way, what is your name?“ Im Organisationsstress und der Freude über eine spontane Reisepartnerschaft ging das irgendwie unter.

Gegen 13 Uhr kann es losgehen. Wir wundern uns über die Sorglosigkeit der Kajakvermieter. Keine Frage nach unserer Seetauglichkeit oder Paddel-Erfahrung. Kein Hinweis auf die Gefahren der Wildnis. Und vor allem keine wirkliche Angabe über den „Drop-off-point“, als den Ort, wo wir unsere Kajaks wieder abgeben sollen. Na ja, 5 bis 8 Tage Leben auf dem Yukon und somit in der Einsamkeit der kanadischen Flora und Fauna scheint eben für die Leute hier oben nichts aussergewöhnliches zu sein.
Gleichwohl sind wir gut ausgerüstet. Bärenspray ist gebunkert. Fertiggerichte sind en masse vorhanden. Der Fotoapparat ist wasserdicht verpackt und eine detaillierte Flusskarte haben wir auch. Los geht’s!
Der Fluss ist schnell. Innert Minuten ist die Rampe, von wo aus wir ablegten, ausser Sicht. Plötzlich ist ausser den Geräuschen der Paddel-Schläge nichts mehr zu hören. Die Orientierung fällt uns leicht; die Karte ist sehr detailliert. Unser Ziel für heute scheint uns ambitioniert: 40km bis zum Lake Laberge.
Weder Shaye noch ich haben eine Uhr oder ein Handy dabei (dieses hat seit Wochen keinen Empfang mehr) und schnell verlieren wir jedes Zeitgefühl (erst vor 2 Tagen musste ich erstaunt feststellen, dass es plötzlich Sonntag war – der Liqueur-Store war geschlossen). Gegen Abend erreichen wir den ersten Night-Camp. Wunderschön gelegen auf einer Insel in einer Flussbiegung. Die Arme schmerzen etwas, aber das Gefühl der Freiheit ist unbeschreiblich. Nichts, keine Menschen, kein Lärm – nada, niente, ausser der eindrücklichen Natur.
Das Feuer wärmt, das Essen schmeckt ausgezeichnet und eigentlich scheint es uns an der Zeit, die Schlafsäcke auszurollen. Aber es wird einfach nicht dunkel. Stundenlang nicht. Sind wir vielleicht doch schon um 16 Uhr an Land gegangen? Wie spät es wohl jetzt sein mag? Was auch immer – die Müdigkeit überwiegt und ich rege mich nicht mal mehr auf, dass die Schlafmatte, die ich eben für 109 Dollar gekauft hatte, Luft verliert. Was soll’s – ich bin müde genug um Stahlbeton noch als komfortable Unterlage einzustufen.
Am nächsten Morgen kommen wir nicht aus dem Zelt. Es regnet. Offenbar ziemlich stark – der Lärm ist ohrenbetäubend. Shaye meint es sei noch mitten in der Nacht. Wir schlafen weiter. Irgendwann schaue ich dann doch raus – der Regen ist kaum als solcher einzustufen – eher eine intensive Luftfeuchtigkeit. Aber das Zeltdach als Membrane hat uns das Innere einer afrikanischen Kriegstrommel vorgegaukelt.
Wir sind auf dem See. Liebe Leserschaft: Hat sich jemand schon mal überlegt den Zürichsee per Kajak zu bezwingen? Es sind ja nur 60km oder so. Der Lake Laberge entspricht in den Ausmassen ungefähr dem Zürichsee – und da müssen wir durch.
Anfangs ist es frustrierend. Man legt sich in die Ruder, paddelt wie verrückt und macht an Land so gut wie gar nichts gut. Wir kommen an einem „First-Nation“-Dorf (so nennen sich die Indianer hier) vorbei… die Musik ist noch 2 Stunden später auf dem See zu hören. Kommen wir wirklich gar nicht voran? Ich beginne mir Sorgen zu machen. Für diesen Trip habe ich 5 Tage eingeplant plus einen Tag für die Rückfahrt per Anhalter. Dann will ich weiter nach Dawson City und nach Alaska, um in 9 Tagen das Flugzeug nach Chicago zu erwischen, wo meine Mutter und Theo mich erwarten. Und hier kann man nicht einfach sagen „so, es reicht jetzt, holt mich da raus“. Kein Kontakt zur zivilisierten Welt. Das ist auch der Grund wieso ich meine gesamte Autoapotheke mitschleppe.
Schliesslich entdecken wir das Geheimnis der Perspektive. Paddelt man mitten auf dem See scheint es gegenüber dem Land nicht vorwärts zu gehen. Hält man sich 10 Meter von der Uferlinie entfernt fliegen die Bäume nur so vorbei. Ok, das ist übertrieben, aber immerhin nimmt man ein Vorwärtskommen wahr.
Gegen Abend treffen wir auf ein Paar aus Alaska. Wir dürfen unsere Spiesse auf das bereits brennende Feuer legen. Bob, ein Bär von einem Mann (aber wir

haben ja Bärenspray) erzählt uns vom Leben in Alaska, dass aus Elchjagd bei minus 50 Grad und Fallenstellen zu bestehen scheint. Ein wahrer Jack London.
Die Hälft des Sees liegt nun fast schon hinter uns – trotzdem fühlen wir uns nach dem Essen fit genug, um noch einige Kilometer in Angriff zu nehmen. Wir paddeln in den Sonnenuntergang rein und eigentlich, so komme ich zum Schluss, kann man vom Leben nicht viel mehr erwarten.
Gegen 24 Uhr (oder so vermuten wir) erreichen wir ein weiteres Night-Camp – und wieder liegt Feuerholz bereit. Auf einem roh gezimmerten Tisch und im Schein des Feuers beginnen wir mit ersten Notizen, die als Basis zu diesem Blog-Eintrag dienen.
Shaye erzählt von sich. Es ist ja schon verrückt, mit einer komplett unbekannten Person auf einen 5-8 tägigen Trip zu gehen – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass man ja sich nicht einfach trennen kann, da wir nur ein Zelt dabei haben.
Die Frau ist erstaunlich. Eine Art dieser Frauen, die Indiana Jones immer antrifft. Vietnam? Sie war da. Gleich 2 Jahre als Englischlehrerin. Mit 7 war sie in Neuseeland – und wollte alleine weiterreisen und die Eltern hinter sich lassen. Unterdessen mit 28 Jahren hat sie mehr als 30 Länder gesehen. Und wann immer ich vorschlage, ein Night-Camp zu suche will sie noch weiter rudern.

Der dritte Tag beginnt stürmisch. Die Wellen sind höher als gestern und haben weisse Schaumköpfe. Unsere Karte empfiehlt, bei entsprechendem Wellengang den See zu verlassen. Wir tun das umgekehrt und wassern die Kajaks.
Und es macht Spass! Kräftig durchgeschüttelt aber einigermassen trocken und mit konstantem Rückenwind erreichen wir nach 6 Stunden (oder so) das Ende des Sees. Für mehr als eine Stunde rudern wir dem Seebecken entlang ohne den Yukon zu finden. Nach jeder Biegung folgt eine weitere. Schliesslich zieht uns die Strömung in den Fortsetzung dieses geschichtsträchtigen Stromes und nach einem weiteren Lunch über dem offenen Feuer erreichen wir den Camping Platz für diese Nacht. (Teil 2 folgt in Bälde)