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December 12, 2007 15:23:11
Die Hure des Orients



Eben habe ich auf Chinesisch zählen gelernt. Beim Würfeln.
Als Nebeneffekt des Würfelns sind einige Bierflaschen auf den Tisch gekommen – die ich bezahlt habe, wenn ich verlor – und die gratis von der Bar kamen wenn ich die junge Dame mit dem entzückenden Augenaufschlag besiegt habe.
Die Würfelkönigin hiess Lisa und hatte umfassende Englischkenntnisse, die mit meinem Chinesisch gleichziehen konnten. Und ich kann immerhin „Guten Tag“ und „Danke“ sagen. Also würfelten wir.

Ich bin in Shanghai. Der erste Eindruck: Eine angenehme Stadt. Die Architektur ist eindrücklich, scheint teilweise einem Komikheft zu entstammen. Westliche Restaurants wohin das Auge guckt, glänzende Schaufensterauslagen, Damen die sexy Stiefel tragen. Es gefällt.
Die Clubs sind cool – aber nicht ganz so bahnbrechend wie ich aus Erzählungen erwartet hätte. Bangkok kann mehr, ist chicer, Kiev und Prag sind wilder.
Zusammen mit Adrian habe ich gemacht was zu machen war – Bar Rouge, Glamour Bar, Barbarrossa… mit den Konsequenzen eines riesigen Katers nach bereits der zweiten Nacht.
Eines war eindrücklich: (fast) JEDE Frau, die uns angesprochen hat (und ohne uns schmeicheln zu wollen: das waren (fast) ALLE Asiatinnen und KEINE der Europäerinnen) wollte irgendwann wissen, wie viel wir ihr denn für eine Nacht entrichten könnten. In Shanghai trifft man in den schönen Bars einfach keine seriösen Schönheiten (und in den weniger schönen würfelt man).
Tagsüber probiert man dem Taxifahrer zu erklären, wohin es gehen soll. Das funktioniert nicht, denn a) das Konzept eines Stadtplans ist jedem Taxifahrer, der etwas auf sich hält, fremd und b) kein Taxifahrer spricht mehr Englisch als „bye, bye“. Es gibt nur eines: Immer das Fahrtziel in chinesischer Schrift präsent haben.
Kann man sich mit einem Fahrer auf das Ziel der Fahrt einigen, dann lohnt es sich.

In Shanghai kann man ALLES kaufen. Und wenn man sich Zeit nimmt, dann findet man beste Qualität zu günstigen Preisen. So geschehen heute als ich mir nach einigem Suche zwei Kaschmir-Wintermäntel scheidern liess – für wenig Geld (gut – das Resultat muss ich erst noch in Augenschein nehmen, aber ich bin guter Dinge). Da meine Reise ja nur noch 4-5 Monate dauert, gilt es aufzustocken – back to business, weg mit Faserpelz, her mit Manschettenknöpfen und Krawatten (20 Stück). Ich kaufe ein. En gros. Ich hoffe nur, die Japaner rücken übermorgen, wenn ich Tokio erreiche, mein Auto raus – ich habe gar keine Lust, mit Anzugstaschen und Halbschuhen durch den russischen Winter zu stapfen.

Ein grosses Thema ist die mangelnde Freundlichkeit. Und das in dem Land mit der ehrwürdigsten und ältesten noch erhaltenen (oder nicht?) Kultur der Welt. Maos Kulturrevolution hat ganze Arbeit geleistet – wer mehr als 35 Lenze zählt, ist per Definition unfreundlich – alles andere wäre verdächtigt. Das Menü wird einem hingeschmissen – wie in Vietnam – das Wechselgeld ohne Hinschauen hergehalten. Es gibt allerdings Anlass zum Optimismus: Die junge Generation ist anders. Lächelt mehr. Sieht die Zukunft als Chance. Die U-30 Menschen sind sogar hilfsbereit – sei es bei der Suche nach einer Adresse oder bei der Identifikation anderer Bedürfnisse „Sir, DVD, Watch, Lady?“…  Das kann auch wieder auf die Nerven gehen. Peking war da anders.
Generell ist Shanghai weniger Chinesisch als Peking. Eigentlich mehr französisch-englisch mit vielen Chinesen. Eine Hure, die es mit jedem treibt. Und dabei sehr reich wird.