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October 5, 2007 11:09:51
Ein richtiger Scheiss-Tag
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Wenn mal was schief geht, dann aber gleich ganz alles.
Und das ist eigentlich nichts Neues. Ich wurde schon Überflieger genannt und manchmal denke ich schon, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen (oder zu fahren), aber wenn es mich mal reinreißt, dann so richtig.
So geschehen heute an der Grenze Cambodia-Vietnam. Erst entschied sich der vietnamesische Zöllner, uns nicht per Auto in sein Land lassen zu wollen. Das kenne ich schon und normalerweise hilft es, 15 Mal nach zu fragen, zu argumentieren und eine Fanta anzubieten. Nicht so in Vietnam. Der Zöllner sprach fliessend Englisch, war freundlich und blieb auch beim 15. Mal bei seinem „Nein“.

Die einzige Möglichkeit, so der Uniformträger, sei, ein Dokument der schweizerischen Botschaft zu besorgen, worin die Botschaft erkläre, die vollumfängliche Verantwortung für meine Reise in Vietnam zu übernehmen. Dass dies schwierig zu bewerkstelligen sein würde, war mir klar.
Trotzdem wollte ich nicht einfach so aufgeben. Die Weltrekordreisenden Schmid (www.weltrekordreise.ch) haben es schliesslich auch geschafft.
Also blieb Oskar auf der kambodschanischen Seite beim Auto und ich machte mich per Taxi und nach langen Verhandlungen auf nach Hoh Chi Minh City, welches ca. 100km östlich der Grenze liegt.
Eine Adresse für ein zuständiges Amt war beim Zoll nicht zu erhalten gewesen, also wandte ich mich voller Vertrauen an die im Lonely Planet-Reiseführer aufgeführte „Immigration Police“.
Natürlich war über die Mittagszeit niemand anwesend, schlimmer jedoch war, dass nach der Öffnung um 13.30 Uhr niemand Englisch sprach. Glücklicherweise machte ich eine ältere Offizierin ausfindig, die sich leidlich auf Französisch ausdrucken wusste. Sie sah ich erstaunt an als ich nach „permit de l’importation temporaire pour ma voiture Suisse“ nachsuchte – das würde es gar nicht geben!
Immerhin wies sie mich weiter zur „Car Registration“-Behörde, welche – wie kann es anders sein – auf der anderen Seite der Stadt lag. Erstaunlicherweise konnte ich dem Taxifahrer in Zeichensprache und mit Autogeräuschen begreiflich machen, wohin ich wollte. Selbstverständlich konnte auch bei dieser Behörde niemand Englisch. Und auch kein Französisch.
Glücklicherweise machte ich einen Arzt ausfindig, der gerade seinen neuen Mercedes einlösen wollte und der französisch sprach – er hatte in Genf studiert. 

Zusammen mit dem Arzt sprach im beim Chef der Behörde vor. Ich empfand es als gutes Zeichen, gleich zum Big-Boss geführt zu werden und schöpfte Hoffnung. Vergeblich. Er meinte, ich müsse mein Auto schon erstmal herbringen, bevor er irgendwas tun könne. Dass ich an der Grenze nicht reingelassen wurde, bedauerte er. Ein Teufelskreis.  
Da ich die Adresse des Schweizer Konsulats in HCMC nicht präsent hatte und mir eigentlich klar war, dass dies sowieso nicht funktionieren würde, entschloss ich mich, erstmal umzukehren und mich unverrichteter Dinge nach Westen und somit Kambodscha zu wenden.

An der Grenze angekommen wurde ich um einen kleinen Obolus von 20 Dollar für ein neues Visum gebeten – dies obwohl ich ja am Morgen des selbigen Tages erst ausgereist war. Es regnete in Strömen, ich war mal wieder klitschnass und meine Stimmung war bei Null angelangt. In diesem Moment war ich mir sicher, das einzig richtige müsse eine sofortige Rückkehr nach Bangkok und eine direkte Verschiffung des Land-Cruisers nach Japan, oder, noch besser, nach Rotterdam sein. Ich war mir plötzlich sicher, nicht mehr genug Nerven für eine strapaziöse Weiterreise zu haben und wusste schon jetzt, dass auch Laos, Südkorea, Japan und Russland mich nicht reinlassen würden. 
Immerhin stand Oskar mit dem Land-Cruiser wie vereinbart bereit und wir fuhren zum Hotel, wo ich mich erstmal ins Bad begab.

Dort angelangt machte ich mich auf die Suche nach Toilettenpapier und zehrte an einer eingeklemmten Klopapierrolle. Hoppla! Was war das? Da hat mich doch grad was in den Handrücken gepiekt?! Eine Spinne, mindestens, wahrscheinlich eher ein Skorpion. Nein, was ich nun sah, war schlimmer. Eine gebrauchte Spritze. Ja, Herrgott, wo sind wir denn? Sollte ich nun auch noch an AIDS sterben? Panik verspürte ich eigentlich nicht – eher eine Resignation, ein „ich will jetzt sofort nach Hause!“ Wäre ein Swiss Airlines Jet neben mir gestanden, ich hätte 5000 Franken für ein Ticket Schweiz-Einfach bezahlt.
Wie dem auch – irgendwo tauchte mein analytisches Denken wieder auf. Blutete ich? Nein. Gut, dann kann die Spritze auch nicht wirklich gestochen haben. War da was drin im Nadelkopf? Nein, furztrocken, ebenso der Spritzencontainer. Offenbar lag das Ding schon lange da. Und HIV-Viren sterben an der Luft sofort ab. Zudem muss nicht jede gebrauchte Spritze auch gleich mit dem HI-Virus infiziert sein. Gut, AIDS hatte ich also noch nicht.
Ich verspürte das dringende Bedürfnis, meine Erkenntnisse bestätigt zu bekommen. Von einem Arzt, und zwar einem schweizerischen. Pfeif auf Handy-Gebühren – ich telefonierte in die Schweiz und verlangte das medizinische Sorgentelefon „Medgate“. Dort wurde ich einer Ärztin verbunden, die sogleich Rücksprache mit dem Oberarzt nahm und mir versicherte, ich können mir wirklich nichts eingefangen haben solange ich nicht blute und keine Einstichwunde identifizieren könne. Auch müsse ich mir über weitere Bakterien keine Sorgen machen, da ich gegen alle möglichen Erreger ja geimpft sei.
Es tat gut, mit so jemandem zu sprechen. Und ich freute mich, dass auch noch ein Oberarzt konsultiert worden war. In Krisensituationen glaube ich an Titel. Vielleicht lohnt es sich, weiter an meinem Doktortitel zu arbeiten.
Na ja, etwas beruhigt wollten wir essen gehen. Als wir beim Auto standen stellten wir allerdings fest, dass die Hecklichter nicht mehr funktionierten. Das wiederum kenne ich schon vom Norden Mexikos. Ein offenes Kabel und zuviel Wasser auf der Strasse. Und umwerfen konnte mich das sowieso auch nicht mehr.
Ps: Kurz vor dem zu Bett gehen wurde der Tag dann nochmals besser. Bei unseren Recherchen im Internet erfuhren wir, dass eine Einreise nach Vietnam von Laos kommend offenbar ohne grössere Schwierigkeiten machbar sei. Und bei dieser Gelegenheit habe ich auch noch entdeckt, dass zwei Engländer es doch per Auto durch China geschafft haben. Mein Reisefieber ist wieder geweckt. Morgen geht es Richtung Laos.