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Heute Morgen habe ich im sonst arg Comic-lästigen Russischen Fernsehen eine Übertragung des Skeleton-Weltcups in St. Moritz gesehen. Im Hintergrund war der Platz-Speaker zu hören, der in angenehm schweizerdeutsch gefärbtem Deutsch das Rennen kommentierte. Zum ersten Mal auf meiner Reise verspürte ich etwas wie Heimweh.
Dass mich nun nur noch eine Strasse und keine Ozeane mehr von der Heimat trennen, macht die Sache nicht einfacher. Bis jetzt ging es ums Entdecken, darum, neue Destinationen ansteuern; nun beginnt die Heimreise. Diese wird sich ob der in Sibirien herrschenden arktischen Temperaturen nicht trivial gestalten: Bereits jetzt legt mein Land-Cruiser einen beträchtlichen Unwillen an den Tag, früh morgens gestartet zu werden. Und es wird noch mindestens 20 Grad kälter werden…
Entsprechend wird mein nach Japan bereits arg strapaziertes Reisebudget weiter belastet: Neue Batterien müssen her (der Land-Cruiser verfügt über zwei Starter-Batterien), sämtliche Öle sind zu tauschen (der letzte Ölwechsel fand in Laos bei +35 Grad statt), Dichtungen müssen ersetzt, Dieselverdünner muss gekauft werden. Eigentlich möchte ich auch noch Schneeketten für die Vorderräder erstehen, doch scheint es diese in meinen Dimensionen (285/16R 75) nicht zu geben.
Immerhin: Empfangen wurde ich in Wladiwostok sehr herzlich. Julia, meine charmante und äusserst effiziente Agentin (wenn in Wladiwostok: www.discoveryclub.info), hatte sich ausgezeichnet vorbereitet und die Zollformalitäten waren innert Stunden erledigt.
Als wir das Auto im Hafenareal abholten, konnte ich feststellen, dass die Ro-Ro Verschiffung nicht allzu viele Diebstähle gezollt hat: Währenddem bei Containerverschiffungen das Auto von keiner fremden Person berührt wird und man den Schlüssel bei sich behält, gibt man bei Roll-on-roll-off Verschiffungen sowohl Schlüssel wie Auto in fremde Hände. Dank meiner von www.ernst-keller.ch gefertigten uneinnehmbaren Schubladenbox konnte jedoch nicht viel geklaut werden. Trotzdem ärgert mich der Verlust sämtlicher CDs, meines Indiana-Jones Hutes sowie der Axt und der Schaufel, die ich nicht speziell gesichert hatte. Sozusagen als Gegenleistung habe ich eine Fernsteuerung für eine Radio-CD-Anlage, über die ich nicht verfüge, im Auto vorgefunden. Da soll mal einer die Russen verstehen.
Beim Ölwechsel Center wurde ich in üblicher russischer Manier mit strengen Minen empfangen – „what do you want?“ wurde mir ohne ein Lächeln entgegen geworfen.
Währenddem ich auf mein Auto wartete und Tee trank, wurde ich von den Russen mehr oder weniger ignoriert. Umso mehr überraschte es mich, als plötzlich zwei Damen eintraten, auf mich zukamen und sich als Reporterinnen der lokalen Presse vorstellten. Sie erzählten mir, dass die Mitarbeiter des Service-Centers, welche nach wie vor beharrlich nicht lächelten, sehr begeistert von mir berichtet hätten und sie mich gerne interviewen würden.
Da ich gerne Interviews gebe, stimmte ich zu und nachdem sowohl Interview wie auch Auto fertig waren, wünschten mir alle Mitarbeiter des Centers viel
Glück, schüttelten kräftig meine Hand und verabschiedeten sich aufs Herzlichste. Bei einem glaubt ich sogar den Anflug eines Lächelns gesehen zu haben.
Gestern nun hat das mediale Interesse weiter zugenommen: Ich wurde vom russischen Fernsehen interviewt! (click here for the video!) Die Reporterin war sichtlich nervös, da sie mich in Englisch zu befragen hatte. Ich verhielt mich aber brav und habe alle Fragen enthusiastisch beantwortet. Die Sache schien recht professionell – zwei Kameramänner, diverse Scheinwerfer und Stative… Das Ganze dauerte 2 Stunden; der eigentliche Beitrag wird 3 Minuten dauern. Im Mittelpunkt steht wohl mehr mein Auto als ich – aber so ist das halt in Russland.
Unterdessen habe ich auch mein Domizil gewechselt: Meine 74-jährige Gastgeberin Galina war mit meinem späten Nachhausekommen (nach 20 Uhr) nicht zufrieden, aber glücklicherweise hat mir Jaroslav eine gute Bleibe bei sich und seiner Mutter offeriert. Hier erlebe ich nun einen russischen Haushalt hautnah – und das ist ganz angenehm, sofern man Speisen mit viel Mayonnaise mag.
Auf dem Parkplatz vor dem Plattenbau ist mein Cruiser parkiert – jede Nacht bezahle ich 60 Rubel „Schutzgeld“ an zwei Jungs, die die ganz Nacht über die Autos von einem alten parkierten Toyota aus wachen. Immerhin: Ich schlafe unbeschwert.
Die Russen generell sind sehr an meiner Reise interessiert, und immer wieder werde ich zu Abendessen und Nachmittagen eingeladen um meine Fotos aus aller Welt zu präsentieren.
Wladiwostok zählt im Sommer wohl zu den schönsten Städten in Russland – im Hafenviertel sind alte Häuser zu bewundern, viele Cafés säumen die Fussgängerzonen und auf den Fotos macht die Stadt einen grünen Eindruck. Im Winter ist dies ein bisschen anders: Die Stadt ist kalt und etwas grau, die Leute laufen schnell – es gilt, dem eisigen Wind zu entkommen.
Wunderschön ist das gefrorene Meer, welches sogar Autos trägt. Die Russen fahren mit ihren Autos bis zu 2km weit raus, um im Eis zu fischen. Ich traute mich mit meinem 3.3 Tonnen Land-Cruiser immerhin 50 Meter weit raus.
Überall sieht man japanische Autos – ein Lada oder ähnliches ist eine Rarität! Die Autos sind neu und teuer – die Import-Händler verdienen sich eine goldene Nase. Entsprechend ist Wladiwostok eine der teuersten Städte in Russland: 2-Zimmer Wohnungen im Zentrum kosten bis zu 120'000 Dollar (Hypothekarzinsen erreichen 18% bei 9.5% Jahresinflation), ein Bier (5dl) schlägt mit 4 Dollar zu Buche. Für Rentner, Studenten und normale Angestellte ist das Leben entsprechend schwer: Wie will man mit 500 Dollar Monatseinkommen und solchen Preisen über die Runden kommen?
Als Mann hat man es auch nicht einfach: In Russland wird von einem Mann erwartet, dass er Frauen einlädt. Und zwar zu allem. Sei es Kino oder Kuchen – der Mann bezahlt. Die Frau bedankt sich normalerweise nicht – es handelt sich ja um eine Selbstverständlichkeit. Entsprechend ist es gefährlich, mit zu vielen Frauen gleichzeitig in den Ausgang zu gehen – besonders als „reicher“ Schweizer steht man da unter grossem Erwartungsdruck.
Auch ansonsten wartet Russland mit einigen Besonderheiten auf: Vereiste Strassen werden mit Glasscherben gepökelt (kein Scherz!), Diesel wird mit Kerosin vermengt (=Winterdiesel), die Hand über die Schwelle zu reichen bringt Kummer und Tod, Coca-Cola gilt als Teufelszeug…
Wie dem auch sei – bald werde ich wieder Käsefondue essen können und darauf freue ich mich!