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June 23, 2006 23:05:32
Kafka, Striptease und Lebenskünstler
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Um die Welt reisen heisst auch, ständig Abschied zu nehmen. Und in Reykjavik fällt mir das besonders schwer.

Bevor ich meine Weltreise antrat, war es mir vergönnt, in sehr guten Gaststätten zu nächtigen. Die Betten waren herzoglich, die Minibars gefüllt und die Abendessen vom feinsten. Schade dabei war nur, dass man sich daran gewöhnt und auch das weichste Bett und die bestausgestattete Bar kein richtiges Kribbeln mehr hervor zaubert. Also was?

Ein Leben in der Jugendherberge. Durchaus vorstellbar. Das Bett ist hart, die Schnarcher der 6-8 Zimmergenossen vereinen sich zur Symphonie und goldene Kundenkarten und schmeichelnde Up-Grades gibt es nicht. Trotzdem, die Jugendherberge Reykjavik schlägt jedes mir bekannte Grand Hotel. Hier lebt man! Und schläft nicht bloss.

Jeden Abend in der Küche finden sich Reisende, Abenteurer und Lebenskünstler zum gemeinsamen Kochen… Und zum Geschichten erzählen. Zeno, der Deutsch-Argentinier, der aussieht wie der Patrone eines argentinischen Weinguts und der wie ich in zwei Jahren um die Welt reist, arbeitet in Island wochenweise auf Fischerbooten. Nebenbei streicht er die Wände der Jugendherberge (und schläft dafür gratis) und organisiert Pub-Crawls, die gutes Geld einbringen. Josyanne, die Kanadierin mit schwarzer Lockenpracht und Reisende in Gourmetfragen, führt einem zum Walfischessen aus (der dann aber nicht serviert wurde weil die Kellnerin meinte „I cannot recommend this dish“) und veranstaltet spontane Fotosessions um Mitternacht. Don Juan, Spanier und Lebenskünstler von Beruf und wohl einer der gewandtesten Charmeure die ich kenne, ist der Mittelpunkt des Herbergenlebens. Er begrüsst jedermann mit dem Enthusiasmus eines Gastgebers, ist interessiert an allem und – das ist elementar – identifizierte die günstigste Bierquelle in Reykjavik. Ein Striptease-Club.

Ja, ich gebe zu, da war ich auch ein bisschen überrascht. Aber schliesslich interessiert mich das lokale Kulturangebot und wir machten uns an meinem letzten Abend auf den Weg.

Es stimmte: Verstärkt durch Jean aus Frankreich und Tom aus den Vereinigten Staaten bestellten wir im Dämmerlicht ein Bier um das andere – für 350 Kronen (entspricht 3.50 Franken) je halben Liter, was für Island eine wahre Kampfansage ist. In diesem Preis inbegriffen waren spannende Gespräche mit den Mitarbeiterinnen der Lokalität, bei welchen ich mehr über Rumänien erfahren konnte.

Wie dem auch sei, Reykjavik hat auch seine Schattenseiten. Verlässt man das fröhliche Nachtleben und die internationale Geborgenheit der Jugendherberge und macht sich auf zum Zollbüro, um Autoteile abzuholen, dann wird man konfrontiert mit der bisweilen kafkaesken Realität Islands.
„Aha, das sind also Ihre Autoteile, die hier angekommen sind. Wieso und können Sie das beweisen?“ 
„Planen Sie, diese Autoteile für ein Auto zu verwenden? Können Sie das beweisen?“ 
„Wie, Sie haben dafür nichts bezahlt? In Island fallen Autoteile nicht unter Geschenke und deshalb müssen Sie eine Kaufquittung vorweisen und Zoll bezahlen.“

Ich hatte keine Quittung. Und ausser dem Vorhandensein meines Land-Cruiser vor dem Zollbüro konnte ich auch nicht viele Beweise beibringen. Mein Besuch in der Zollstube zog sich in die Länge. Erst als wir uns nach 2 Stunden und 5 Gesprächspartnern (darunter eine offensichtlich Reisende hassende Postbeamtin) darauf verständigen konnten, dass ich die Teile erst in Kanada einbauen würde, wurde ich ohne weitere Auflagen und mit einem misstrauischen Blick in die Freiheit entlassen. Kafka würde sich hier wohl fühlen.

Nun geht es aber weiter und schweren Herzens und unter Beteuerung auf ein baldiges Wiedersehen sonst wo auf der Erdkugel verlasse ich Island, meine neuen Freunde und meine liebste Jugendherberge. Canada, here I come! Iceland, I will be back.