

Gelegenheiten muss man nutzen. Und da David und ich bei Toyota Prag sowieso vorbei schauen wollten, liehen wir uns kurzerhand den neuen Land-Cruiser V8 aus. Dieses Auto ist der Enkel meines bewährten Land-Cruiser 80. Und ein komplett anderes Gefährt.
Der Diesel-Motor ist eine Wucht. 8 Zylinder, 4500ccm, 650Nm Drehmoment1, 263 PS Leistung (286 in der Schweiz - aber nur mit Hochleistungsdiesel).
Und das Aussergewöhnliche: Drückt man auf den Start-Knopf (!), dann hört man nichts. Kein Nageln, kein Wummern, einfach… …nichts. Erst der Blick auf den Tourenzähler versichert einem, dass da wirklich was läuft. Auch beim Losfahren erinnern einem die satten
Motorgeräusche mehr an einen grossvolumigen Geländewagen amerikanischer Bauart als an einen Diesel.
Das Auto sitzt satt auf der Strasse, die Lenkung ist direkt und der Antritt ist beeindruckend. Die 6-Gang-Automatik schaltet schnell hoch, könnte Fussbefehle jedoch rascher umsetzen.
Vor langer Zeit hab ich mal einen Porsche Cayenne Turbo gefahren (nicht meiner...) – klar, das Ding ist schneller als der Land-Cruiser, aber beim subjektiven Eindruck der Kraftentfaltung gewinnt der Land-Cruiser. Hier werden Berge (oder eben knapp 3 Tonnen) in Bewegung versetzt.
Im Innenraum hat es Toyota endlich geschafft, auf eine Plastikwüste zu verzichten. Das Interieur kann nicht als luxuriös beschrieben werden, zumindest aber ist der 5-7 Plätzer ansprechend gestaltet und strahlt eine Aura qualitativer Durchdachtheit aus. Es gibt 4'000 Schalter und Knöpfe, die die zahlreichen Elektromotoren des Autos steuern (die elektrischen Sitze sind baugleich mit denjenigen meines 96er Modells). Jedermann über 25 und ohne eine profunde Playstation-2-Ausbildung ist überfordert und wird anstelle des Scheibenwischers die Sitzheizung aktivieren. Langweilig wird es einem jedoch sicherlich nicht!
Das Auto lässt sich per Knopfdruck höher oder tiefer legen, eine Hill-Decent-Funktion wie beim Range-Rover sorgt für problemlose Geländefahrt und das zentrale Differential lässt sich blockieren. Unserem Testwagen mangelte eine Sperrmöglichkeit des vorderen und hinteren Differentials – bei meinem Land-Cruiser 80 gab es das noch serienmässig in der VX-Version (und war eine Schwachstelle, da die Elektronik häufig versagte).
Air-Locks wären bei Drittanbietern nachrüstbar und würden gegenüber der Elektronischen Differentialsperre eine Verbesserung darstellen. Das Fahrwerk kann von „Normal“ auf „Sport“ oder „Komfort“ getrimmt werden (Knopfdruck genügt), ist aber meines Erachtens in jeder Einstellung sehr sportlich (bzw. hart) für einen Geländewagen.
Toyota gibt den Durchschnittsverbrauch im Prospekt mit 10 Litern an. You wish…Der Bordcomputer unseres Testwagens zeigte 14.4 Liter an, was wohl realistischer ist. Mein 3.3 Tonnen Land-Cruiser verbraucht im Schnitt 14.5 Liter, bringt zugebenermassen aber auch fast 100PS weniger auf den Boden.
Die Geländegängigkeit wird etwas eingeschränkt durch das Fehlen einer Starrachse vorne (für gewisse Märkte wie Saudi-Arabien bietet Toyota aber ein entsprechendes Modell an) und durch die viel zu schönen und komplett verkleideten Stossstangen.
Fazit: Der neue Land-Cruiser V8 ist grossartig zu fahren. Geht einem jedoch die Strasse aus, beginnt man sich um die makellose Karosserie zu sorgen. Dieses Auto will nicht verkratzt werden. Ein Anheben des Cruisers per Hi-Jack ist komplett unmöglich und würde in der Destruktion der Stossstange enden (wie Firmen wie ARB auf den neuen Land-Cruiser angepasste Geländestossstangen anfertigen wollen, ist mir rätselhaft).
Der Land-Cruiser wurde gezähmt und ist zum Stadtgeländewagen geworden. Sicherlich, die Inneren Werte (Geländequalitäten) sind noch da, aber das Gewand ist einfach zu elegant.
Getestetes Auto: Toyota Land-Cruiser V8 (tschechischer Markt), Turbo-Diesel, Vollausstattung, KM-Stand: 4'800